Von der Einfachheit fair zu sein

Von der Einfachheit fair zu sein - und der Schwierigkeit, Fairness einzufordern
24. Juni 2021

 
Gleichstellung wird als ein Gebot der Fairness angesehen – aber wieso ist es so schwierig, diese einzufordern?

Männliche Führungskräfte engagieren sich für Gleichstellung aus Gründen der Fairness. Mit 93 Prozent erfährt dieser Motivationsgrund mit die höchste Zustimmung der rund 1.200 Führungskräfte, die sich an der Umfrage zum Gleichstellungsengagement männlicher Führungskräfte der Universität St. Gallen beteiligt haben.

Dieses sehr erfreuliche Ergebnis zeigt, dass der momentane Status Quo in den Unternehmen als ungerecht empfunden wird. Das heisst, die anhaltende Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen wird anscheinend nicht länger als unhinterfragte Selbstverständlichkeit in Unternehmen oder als Ergebnis mangelnden Karrierewillens von Frauen angesehen.

Der aus dem englischen stammende Begriff der Fairness bedeutet laut Duden eine akzeptierte Vorstellung von Gerechtigkeit, Angemessenheit sowie Anständigkeit. Bezogen auf das Thema Gleichstellung liesse sich Fairness dann als gerechter, angemessener oder anständiger Umgang gegenüber Frauen – und auch Männern! verstehen.

Die erwähnte Umfrage zeigt, dass die meisten Männer der Meinung sind, dass sie genau dies bereits tun: 62 Prozent gaben beispielsweise an, dass sie darauf achten, keine Bemerkungen zu machen, die (vielleicht auch unbeabsichtigt) Frauen abwerten oder nicht ernst nehmen. Weitere 34 Prozent können sich vorstellen, dies zu tun. Sich fair zu verhalten, scheint also selbstverständlich und einfach umzusetzen zu sein.

Schwieriger wird es hingegen, wenn es darum geht, Fairness einzufordern, das heisst, zu intervenieren, wenn Frauen ungerecht, unangemessen oder unanständig behandelt werden. Zwar stellen sich laut Selbstauskunft noch die Hälfte der männlichen Führungskräfte hinter ihre Mitarbeiterinnen und Kolleginnen, wenn deren Kompetenzen übergangen, missachtet oder in Frage gestellt werden. Aber nicht mal jeder zweite Mann spricht seine männlichen Kollegen, Mitarbeiter und/oder Vorgesetzte an, wenn sie Bemerkungen machen, die (vielleicht auch unbeabsichtigt) Frauen abwerten, sexistisch oder frauenfeindlich sind.

Dabei ist es genau dieses intervenierende Verhalten, das sich viele Frauen wünschen! Denn die meisten kennen Situationen, besonders wenn sie in Runden mit mehrheitlich Männern sind: Ein zotiger Witz, eine Bemerkung über die Knöpfe an der Bluse, die Fragen, ob die Diskussion nicht zu technisch sei. Tausendfach in dieser oder ähnlicher Form erlebt, wollen oder können Frauen sich häufig nicht wehren – paradoxerweise aus Eigenschutz: Denn tun sie es doch, werden sie häufig als hysterisch, überempfindlich oder humorlos bezeichnet. Jedenfalls werden ihre Bedürfnisse nach fairer Behandlung nicht berücksichtigt und sie laufen Gefahr, den Respekt und das Standing in der Gruppe als Fach- und Führungskraft zu verlieren. Also lächeln sie freundlich, halten den Mund und machen die Faust im Sack. Wenn sich aber niemand beschwert, müssen Männer ihr Verhalten nicht reflektieren und hinterfragen. Und so bleibt alles beim Alten!

Nun gibt es ja eine ganze Menge von Männern, die unfaires oder abwertendes Verhalten ebenfalls stört. Aber auch wenn sie selbst auf ihr Verhalten achten, intervenieren sie nicht in gleichem Masse. Warum nicht?

Hier kommt der so genannte Bystander- oder Zuschauer-Effekt zum Tragen. Den meisten ist dieser Effekt bei Unfällen oder Überfällen bekannt: Je mehr Menschen um das Opfer herum stehen, umso unwahrscheinlich ist es, dass jemand eingreift oder hilft. Übertragen auf die erwähnte Meeting-Runde bedeutet das: Ein einzelner Mann, der ein frauenabwertendes Verhalten ablehnt, interveniert in einer solchen Situation nicht. Und zwar aus einem vergleichbaren Grund wie die betroffenen Frauen: Sie fürchten als Weichei, Pantoffelheld oder Frauenversteher diskreditiert zu werden. Und weil sie nicht intervenieren, interpretieren sowohl die Frauen als auch die Männer das Schweigen der Kollegen als Zustimmung. Und so bleibt erst recht alles beim Alten!

Um Fairness einzufordern braucht es etwas Wichtiges: Es müssen  Verbündete gefunden werden! Es ist einfacher, sich nach einem solchen Meeting in Zweiergesprächen unter Männern über die erlebte Situation auszutauschen, um herauszufinden, wer diese ebenfalls als unpassend erlebt hat. Gemeinsam kann dann ein Gespräch mit dem betreffenden Kollegen erfolgen, und dann möglicherweise bei der nächsten Sitzung gemeinsam interveniert werden. Hilfreich ist auch, im Unternehmen «Geschlechterdialoge» zu initiieren. Bei diesen Anlässen tauschen sich Frauen und Männer über die von ihnen erlebten Beispiele von unfairen und abwertenden Situationen aus und teilen sich mit, was sie unter fairen und wertschätzendem Umgang miteinander genau verstehen. Dadurch wird (auch unbeabsichtigt) unangebrachtes Verhalten definiert und sichtbar. Und mit gemeinsam vereinbarten Veränderungen entsteht Fairness – die alle ganz einfach einfordern und für die es dann auch einfach wird, einstehen zu können.

 

von Gabriele Schambach und Julia Nentwich

Wir freuen uns, dass die Handelszeitung als unser Projektpartner diesen Artikel in in der Printausgabe am 17.06. und am 20.06.2021 in der Online-Ausgabe veröffentlicht hat.

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